Hochwasser 2013 – Ein kleines Fluthelfertagebuch

Ver├Âffentlicht am 08. Juni 2013 | in der Kategorie Aus meinem Leben | Tags: , , , , ,

Hochwasser 2013 - Gemeinsam schaffen wir das

Ich habe einige Zeit mit mir gerungen, zu diesem Thema was zu bloggen. Es soll kein Besuchermagnet f├╝r die Seite werden und die Aufmerksamkeit von den wirklich wichtigen Anlaufstellen abziehen. Aber mal ehrlich: so viel wird das Blog ja eh nicht gelesen und da das Hochwasser in der letzten Woche mehr als einen Einfluss auf mein Leben hatte, hier eine kurze Zusammenfassung:

Montag, 03.06.2013

Der Pegelstand verdoppelte sich beinahe binnen 24 Stunden und erreichte Alarmstufe 3. Das ging dann doch etwas schnell. Noch ein paar Tage zuvor habe ich mir naiv gedacht: Dauerregen – ja klar, regnet es eben – wozu eine Unwetterwarnung? Doch die Realit├Ąt traf mich mit einem Schlag. Mein erster Urlaubstag war gespickt mit Zahnarzt- und Friseurtermin. Dazu musste ich einmal die Elbe ├╝berqueren – und mir wurde richtig schlecht. Das Ausma├č auf Bildern zu sehen mag ja erschreckend genug sein, mit eigenen Augen noch mal um einiges h├Ąrter. Ich erwartete f├╝r den Dienstag den Besuch meiner Gro├čeltern. Die Wohnung war aber schon soweit hergerichtet – soll ja auch nicht k├╝nstlich aufger├Ąumt wirken – also habe ich den restlichen Abend zwischen mdr und Facebook hin und her gewechselt.

Dienstag, 04.06.2013

Alles gute zum Geburtstag! Mir war gar nicht danach. Fr├╝h erst mal Cmd + R und den aktuellen Pegel abgerufen. Und wieder den Fernseher an: mdr. So viel mdr habe ich das letzte Jahr glaube ich nicht geschaut, wie in den paar Tagen. Aber auch meine gesamte Timeline bei Facebook war durch Seiten wie Hochwasser Dresden, Fluthilfe Dresden und Elbpegelstand zu 99 % gef├╝llt mit dem Thema Hochwasser.

Fluthelfer am Terrassenufer - 04.06.2013, 11.00 Uhr, Pegel ca. 7,50 m

Die Gro├čeltern kamen und es sollte Geburtstag gefeiert werden. Da w├Ąre ich nicht drumherum gekommen. Da sie wie immer eine Stunde zu zeitig eintrafen, hatten wir noch genug Zeit, Katastrophentouristen zu spielen. Also auf die Br├╝hlsche Terrasse und schnell noch ein Foto gemacht (s. oben). Den restlichen Tag klammer ich jetzt mal aus und steige sieben Stunden sp├Ąter wieder ein: die Gro├čeltern sind verabschiedet und ich kann mein schlechtes Gewissen, den Tag nur ab und zu den Pegel im Blick an der prek├Ąren Situation vorbei gelebt zu haben, absch├╝tteln.

Hochwasserhilfe Dresden - Google maps

Die von Sven Mildner erstellte interaktive Google Karte, die von mehreren Nutzern editiert wurde (bzw. noch wird) half mir und tausenden anderen Helfern die letzten Tage nicht ziellos durch die Stadt zu irren, sondern zeigte klar auf, welche Stra├čen gesperrt sind, wo welche Art von Hilfe ben├Âtigt wird und nat├╝rlich auch den ├ťberflutungsstand.

Ich habe mich also abends noch mit Jenny und Robert am Terrassenufer getroffen und wir konnten uns gleich in die Schlangen der Sandsacktr├Ąger einreihen und gef├╝llte Sands├Ącke in Transporter verladen. Jedoch war der Vorrat nach kurzer Zeit auch schon verladen und die Stelle wurde aufgel├Âst. Wir wurden zum Rosengarten oder zum Ball- und Brauhaus Watzke geschickt. Der Rosengarten lag n├Ąher und wir waren zu Fu├č. Dort angelangt war aber nichts. Nichts au├čer Wasser. Und das stand schon im Kaffee Rosengarten. Also zum Watzke. Dort angekommen traf ich sogar noch mein Gegen├╝ber aus der Schlange vom Terrassenufer wieder. Ein paar Sands├Ącke sp├Ąter stockte aber auch hier die Anlieferung neuer Sands├Ącke. Wir beschlossen den Tag zu beenden. Die Fahrt entlang der Leipziger Stra├če lie├č uns die M├╝nder offen stehen. In drei bis vier Reihen und teilweise einen Meter hoch stapelten sich die Sands├Ącke. Nat├╝rlich nichts im Vergleich, was die kommenden Tage dort noch hinzu kam, aber f├╝r den ersten Eindruck schockierend.

Blick von der Augustusbr├╝cke - 05.06.2013 - ca. 10.00 Uhr

Mittwoch, 05.06.2013

Sandsacktransport an der Leipziger Stra├če - 05.06.2013

Sandsacktransport an der Leipziger Stra├če – 05.06.2013

Ich beschloss den Tag dort anzufangen, wo der letzte geendet hat. Die Stra├čenbahn fuhr die Leipziger Stra├če (noch) entlang und ich stieg am Watzke aus. Und es offenbarte sich schon ein ganz anderes Bild, als noch den Abend zuvor. Ein paar Sands├Ącke mehr lagen schon auf dem Gehweg, ich war ja auch nicht all zu zeitig vor Ort. Aber vor allem die Organisation durch die Einsatzkr├Ąfte des THW und die Kr├Ąfte der Feuerwehr und Bundeswehr machte die Arbeit so viel effizienter. Die unz├Ąhligen Helfer wurden koordinierten, anleiteten, Ihnen wurde gezeigt, wie man den Damm richtig baut (und wie eben nicht) und helfende H├Ąnde wurden an die Stellen geschickt, an denen sie auch gebraucht wurden. So verging der ganze Tag: Transporter mit Sands├Ącken kamen von den F├╝llstationen (z. B. Hansastra├če) es wurden sofort einige Reihen aufgemacht und die Sands├Ącke auf den Damm verteilt. Wie ein Ameisenstaat.

Es waren so viele Helfer vor Ort – viele auch in der Nacht. Damit diese bei Kr├Ąften blieben halfen viele nicht nur mit ihrer Arbeitskraft, sondern auch mit Verpflegung. Da wurden belegte Br├Âtchen vorbeigebracht und verteilt, Schnittchen, M├╝sliriegel, Geb├Ąck frisch vom Backblech, Getr├Ąnke aller Art (von Wasser, bis Kaffe oder sogar Red Bull) und auch Sonnencreme wurde verteilt. Die wurde aber nicht zuverl├Ąssig genug angewendet =). H├Ątte es am Mittwoch noch genauso geregnet, wie das Wochenende zuvor w├Ąre der Pegel noch schneller gestiegen, aber auch die Helfer h├Ątten nicht so viele Stunden durchgehalten. Also war man auch ganz froh, dass die Sonne wieder schien und nahm den Sonnenbrand dankend hin. Auch ich merkte am Abend, dass es wohl doch etwas zu viel Sonne war. Gegen 21.30 verlie├č ich den Schauplatz. Ich bin den Tag ├╝ber St├╝ck f├╝r St├╝ck die Leipziger Stra├če stadteinw├Ąrts gewandert. Zum Schluss gab es erst mal nicht mehr so viel zu tun. Die Sands├Ącke fehlten wieder.

Sands├Ącke an der Leipziger Stra├če - 05.06.2013 - vormittags

Donnerstag, 06.06.2013

Der Gehweg voller Sands├Ącke - Leipziger Stra├če

Der Gehweg voller Sands├Ącke – Leipziger Stra├če

Ich konnte nicht gut einschlafen. Immer wenn ich die Augen geschlossen habe sah ich vor meinem Inneren: Sandsack greifen, umschlagen, stapel, Sandsack greifen, umschlagen, … Also schaute ich auch in der Nacht noch mal bei den oben genannten Seiten auf Facebook nach dem aktuellen Stand. Der Pegel ist weiter gestiegen und die Hilferufe von der Leipziger Stra├če machten mich unsicher, was mich den n├Ąchsten Tag erwarten w├╝rde. Auch die Karte hatte einige beunruhigende Eintr├Ąge: „Damm weicht durch“, „h├Ąlt nicht“ … Als ich dann am Donnerstag dort eintraf – der Stra├čenbahnverkehr wurde auf dieser Stra├če schon am Mittwoch eingestellt, also etwas l├Ąngerer Fu├čmarsch – sah alles wieder ein St├╝ck anders aus. Das Wasser stand deutlich h├Âher, die D├Ąmme waren doppelt so breit und auch um einige Lagen h├Âher als noch ein paar Stunden zuvor. Was die Helfer in dieser Nacht geleistet haben ist sagenhaft.

Der Pegel stieg seit 10.00 Uhr nicht weiter an, lie├č sich aber auch bis 16.00 Uhr Zeit, um mit langsamen Sinken zu beginnen. Die D├Ąmme hielten soweit, jetzt mussten sie nur noch aushalten. Und das war dann auch die Taktik der Verantwortlichen. Es hie├č, dass keine neuen Sands├Ącke mehr an die Leipziger Stra├če geliefert werden und wir nur noch hoffen k├Ânnten. Zum hoffen musste ich nicht unbedingt vor Ort sein, also bin ich mal in die Neustadt an die Prie├čnitz gelaufen. Dieser kleine Bach, sonst so unscheinbar s├╝d├Âstlich des Alaunparks verlaufend ist in seinem Bett bedrohlich angestiegen und hat sich in etliche Keller der angrenzenden Wohnungen breit gemacht. Nach Pumpen wurde ├╝ber die einzelnen Seiten f├╝r diese Region gefragt – ich konnte da nicht wirklich was tun. Also bin ich noch mal zur├╝ck zum Watzke und bekam wieder was zu tun. Eine Sandsackf├╝llstation wurde errichtet und es galt Tausende S├Ącke auf und in LKWs zu verteilen.

Spaziergang mit Pony auf der Leipziger Stra├če nahe Puschkinplatz - 06.06.2013

Gegen 16.00 Uhr machte ich mich auf den Weg ├╝ber die Leipziger, entlang an dem Haus, was ein paar Stunden sp├Ąter aus Verdacht der Einsturzgefahr abgesperrt wurde. Ein Statiker widersprach diesem Verdacht, als ich mir die Risse tags darauf ansah, war mir aber nicht so geheuer.

Freitag, 07.06.2013

Nachdem der Pegel immer weiter sinkt, nach 24 Stunden ist es immerhin ein halber Meter geworden, habe ich gestern Mittag einen Spaziergang ├╝ber die Leipziger Stra├če, K├Âtzschenbroder Stra├če, An der Flutrinne/Sternstra├če nach ├ťbigau hin zur Washingtonstra├če und Fl├╝gelwegbr├╝cke unternommen. Alles trocken und ruhig. In einem Hog wurde schon wieder aufger├Ąumt, mein Hilfsangebot aber dankend abgelehnt.


Disclaimer: Ich bin selber nicht betroffen vom Hochwasser und ich denke auch das Grundwasser wird meinen Keller hier in Ruhe lassen. Ich kann nur von den „Schaupl├Ątzen“ erz├Ąhlen, die ich gesehen habe und da ist es noch einmal glimpflich ausgegangen. Nat├╝rlich wird es viele Menschen um einiges h├Ąrter getroffen haben. Einige Stadtteile sind auch in Dresden der Elbe zum Opfer gefallen, Existenzen sind bedroht und Erinnerungen mit den Fluten davongetragen worden. In den kleineren Orten in der Umgebung sieht es meist noch schlimmer aus. Der Zusammenhalt, den ich die letzten Tage miterleben konnte, der sich durch die gesamte Gesellschaft zog, hat mich sehr ber├╝hrt. Nat├╝rlich gibt es Ausnahmen: Pfandsammler der gespendeten Wasserflaschen, ohne gegen das Hochwasser auch nur einen Finger krumm zu machen oder vereinzelte Pl├╝nderungen in evakuierten Gebieten. Aber das sind nur kleine Schatten, die sich nicht ├╝ber die wunderbaren Eindr├╝cke legen k├Ânnen, die ich trotz des furchtbaren Anlasses erlebt habe.

Dresden Elbe Hochwasser – 5 Juni 2013 from Sebastian Linda on Vimeo.

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