Ihr habt es so (nicht) gewählt

Veröffentlicht am 01. September 2014 | in der Kategorie Mein Senf dazu ... | Tags: , , , , ,

Ich habe schon eine ganze Weile hier nichts mehr reingeschrieben. Nicht dass ich viel zu tun hatte – da w√§re schon Zeit gewesen. Ich habe das Fahrrad wieder etwas mehr in den Mittelpunkt meines Lebens ger√ľckt und war auch in der K√ľche flei√üig. Vielleicht werde ich in Zukunft dar√ľber auch noch ein paar Zeilen verlieren.

WahlergebnisWahlergebnis auf wahl.tagesschau.de

Heute soll es aber √ľber meine Entt√§uschung gehen. Wie nach jeder Wahl bin ich auch gestern in ein Loch gefallen. Man lebt so gut in seiner Filterblase. Nat√ľrlich schlagen dort auch t√§glich absurde D√§mlichkeiten der Regierungen auf (zuletzt Digitale Agenda). Man kann sich dann etwas zynisch dar√ľber lustig machen und f√ľhlt sich da nicht allein. Doch gestern wurde ich aus dieser Filterblase herausgerissen und in den braunen Dreck der Wirklichkeit getunkt. Die NPD hat es nur ganz knapp nicht in den Landtag geschafft, doch 81.060 haben doch ihre Kreuze bei ihnen gesetzt. Dazu addiert man dann noch 9,7 Prozent AfD („Aber die sind doch nicht rechts“ – wer das grad gedacht hat, hat sich wohl zu viel Eiswasser √ľber die Birne laufen lassen). Das sind in Summe 15 Prozent / jeder Siebente. In meiner Heimat Bautzen (WK 56) haben 13,8 Prozent ihre Erststimme der/m NPD-Kandidatin/en gegeben.

Rekordwahlbeteiligung

Naja, nicht wirklich, weil ja √ľber die H√§lfte gar nicht erst zur Wahl hingegangen ist (Wahlbeteiligung 49,2 Prozent). Daf√ľr habe ich absolut kein Verst√§ndnis. Ich bin heute fr√ľh in die Bahn gestiegen und mir war so bewusst: jeder Zweite hat zugelassen, dass jetzt rechtes Gedankengut im Landtag sitzt. Und mehr als die H√§lfte h√§lt es auch nicht f√ľr abwegig, dass die AfD mit der CDU regieren sollte: Infratest dimap (wahl.tagesschau.de).

Piraten und eine schwarze Karte

Das Ergebnis der Piraten mit 1,1 Prozent finde ich nat√ľrlich bedauerlich, aber mit einem Einzug in den Landtag habe ich auch nicht gerechnet. Hoch motivierte und engagierte Politiker und aktive W√§hler – aber leider zu wenig. Die breite Masse ist zufrieden und tr√§ge. „Kann doch so bleiben wie es ist“ – bis auf eine Ausnahme (Juliana Nagel, Linke, Leipzig) wurden alle Direktmandate von der CDU geholt … eine vollkommen schwarze Karte. 39,4 Prozent CDU. 39,4 Prozent konservativ. Ich m√∂chte doch so gern in der Zukunft leben. In Sachsen werde ich da wohl noch sehr lange warten m√ľssen.

Einfach ist es da, alles herunterzureden, sich in den gewohnten Zynismus zu zur√ľckzuziehen und einfach noch ein paar Jahre Winterschlaf zu halten. Schlimmer kann es ja nicht werden. Das ist nat√ľrlich falsch. Aber ich wei√ü auch nicht, was man noch machen kann. Wer so viel Angst vor der Welt hat und sich diese nicht eingestehen kann, statt dessen die Schuld f√ľr alles, was im eigenen Leben den Bach runter geht „beim schwarzen Mann“ zu suchen, dem kann man nicht mehr mit Vernunft und gut zureden helfen. Genauso wenig hilft da anschreien, blo√ü stellen oder was wei√ü ich.

Alternative f√ľr die Alternative

Ich denke – Achtung: – die AfD hat Potenzial. =) Nat√ľrlich nicht die Partei mit ihrem Prof. Lustig und seinen Gesellen. Aber in den 160.000 W√§hlern stecken meines Erachtens nicht nur verkappte Nazis, die sich den Schritt hin zur NPD nicht getraut haben, sondern auch viele „Protestw√§hler“. Bl√∂der Begriff, weil er impliziert, dieser Protest w√§re mit klarem Willen vollzogen worden. Das denke ich nicht. Aber es ist eine unschl√ľssige W√§hlergruppe, die nicht ausreichend aufgekl√§rt wurde und die keine andere Alternative gesehen hat. Und wer bleibt denn da auch?

CDU: Konservative Partei mit Kirche, Homophonie und Ausländerhass Ausländerdistanzierung und mächtig Staub.
SPD: Auch so eine etablierte Partei mit Anzugträgern, die ihre Prinzipien gern mal verkaufen.
Linke: fr√ľher SED, jetzt ANTIFA und irgendwie auch bisschen Hippie.
Gr√ľne: Bio-Hippies mit teilweise ganz sch√∂nes Stock im Arsch.
FPD: Wer? Ach die. Privilegien f√ľr Privilegierte.
Piraten: Diese Internet-Spaßpartei, die sich nicht entscheiden können, ob Datenschutz oder Open Data und die sich zunehmend mehr entzweit.

Dann noch Tierschutzpartei und irgendwelche W√§hlerb√ľndnisse, die ich nicht einzuordnen wei√ü. Und wenn dann noch eine Partei „Alternative“ im Namen hat und dem traditionellen Urvolk Jahrzehnte gewohnte Grenzen zur√ľck verspricht … braucht man sich nicht zu wundern.

Und nun РZeilen später Рbin ich doch wieder Zuhause angekommen. Zuhause im Zynismus.